Wie Begegnungen mit Tieren unsere Sicht auf die Welt verändern
- Doris Schneeberger

- Nov 24, 2025
- 2 min read
Aus unserem Forschungsprojekt „The Case of Anti-Speciesism at Vegan Animal Sanctuaries“ (Doris Schneeberger & Daniel Semper)
Image credits: Doris Schneeberger @ Hof Narr/Zürich

Wer einmal einem Schwein tief in die Augen geschaut hat oder von einer Kuh neugierig beschnuppert wurde, weiß, wie kraftvoll solche Momente sein können. Plötzlich ist da ein Jemand, kein Etwas. Auf Lebenshöfen entstehen diese Begegnungen täglich – und sie können Einstellungen verändern, manchmal leise, manchmal radikal.
In unserer Studie untersuchen wir, wie körperliche Begegnungen zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren gesellschaftlichen Wandel anstoßen können. Während die Forschung im Bereich der institutional work lange vor allem auf kognitive Argumente oder Emotionen fokussiert hat, zeigen wir, dass verkörperte Erfahrungen – Erlebnisse mit allen Sinnen – eine bisher unterschätzte Rolle spielen.
Auf Grundlage umfangreicher Feldforschung auf Lebenshöfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz identifizieren wir drei Mechanismen, durch die solche Orte gesellschaftliche Veränderungen ermöglichen:

1. Verkörperte Empathie – wenn Nähe Herzen öffnet
Direkter Kontakt schafft Verbundenheit: Eine Berührung, ein gemeinsamer Moment, ein neugieriger Blick – und plötzlich entsteht echte Beziehung. Viele Besucher:innen erzählen uns, dass sie „nur kurz schauen“ wollten und dann monatelang immer wiederkommen. Manche übernehmen Patenschaften, andere stellen ihre Ernährung um, ohne dass jemand sie dazu aufgefordert hätte.
Diese Form der Empathie entsteht durch körperliches Zusammensein. Sie ist nicht belehrend, sondern spürbar. Und genau das macht sie so wirksam.
2. Körperliche De-Anonymisierung – Tiere als Individuen begreifen
In der Tierindustrie sind Tiere Kategorien: „Nutztiere“, „Produktionseinheiten“, Nummern.
Auf Lebenshöfen heißen sie Lotta. Paul. Charlotte. Boris. Tim. Sie haben Geschichte, Charakter, Beziehungen. Und sobald wir ihnen begegnen, können wir das nicht mehr vergessen.
Diese Ent-Anonymisierung passiert vor Ort – aber auch online: Über Social Media reisen ihre Geschichten weit über die Hoftore hinaus und erreichen Menschen, die den Hof nie persönlich betreten.
3. Verkörperte Vorwegnahme einer alternativen Zukunft – eine andere Welt erleben
Lebenshöfe machen erfahrbar, wie ein Zusammenleben von Menschen und Tieren aussehen könnte: Ohne Gewalt. Ohne Ausbeutung. Mit Respekt.
Sie sind gelebte Zukunftsvisionen – kleine Erfahrungsräume, in denen Menschen spüren, wie anders eine Welt sein könnte, die Tiere als Individuen anerkennt. Orte sind eine Art „Probehandeln“: ein erstes Eintauchen in eine Zukunft, die nicht nur gedacht, sondern erlebt wird.
Man betritt einen Lebenshof – und merkt plötzlich: So könnte es sein.

Warum das wichtig ist
Unsere Forschung zeigt, wie körperliche, emotionale und soziale Erfahrungen zusammenspielen, wenn Menschen ihre Haltung zu nichtmenschlichen Tieren überdenken. Lebenshöfe sind Orte des gesellschaftlichen Wandels:
Sie öffnen Herzen.
Sie machen Individuen sichtbar.
Sie zeigen im Kleinen alternative Zukunftsbilder.
Und genau darin liegt ihre transformative Kraft.



Comments